Das Treffen ...
... der Zeit
In sieben Jahren starb mein Vater.
Dieser Satz beschreibt die nochmalige Berührung unsere Lebenslinien. Es entsteht ein zeitloser Augenblick, jenseits des Gewesenem, das nicht verändert werden kann, und jenseits des Kommenden, welches sich in seiner Ungewissheit nicht zeigt. Ein Moment, der beide Richtungen fortwährend in sich trägt und zum Inhalt meines Seins werden kann.
Vielleicht ist dieser Gedanke von einer Hoffnung getragen, die irgendwo zwischen einem schemenhaften Entwurf und einer ahnenden Gewissheit liegt, ohne je die Qualität einer Realität zu erreichen. Und doch fühlt sich die Vorstellung dieses Augenblicks leicht und frei an, verbunden mit dem Wunsch, ihn entstehen zu lassen.
Der Schraubstock
Viel zu oft haste ich von einem Augenblick zum nächsten, und zum nächsten, und zum nächsten, gerade so, als wolle ich mir selbst in der Zukunft begegnen. Eingepfercht zwischen den Konstrukten aus der Vergangenheit und den Folgerungen für das, was vielleicht oder eventuell kommen könnte, wird meine Gegenwart einfach nur eng, klein und vernichtend unscheinbar.
In diesem selbstgebauten Schraubstock aus Erinnerung und Hoffnung hat die Gegenwart kaum eine Chance, ihre Gestaltungskraft für mein Dasein zu entfalten. Aus psychologischer Sicht lässt sich diese Dynamik auch als „Zeitperspektive“ beschreiben. Ob wir stärker in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft leben, beeinflusst unser Erleben und unser Verhalten wesentlich. Eine einseitige Fixierung, auf schmerzhafte Erinnerungen oder ängstliche Zukunftsszenarien, kann unsere Lebendigkeit im Jetzt vollkommen einschränken.
Die Gegenwart
Die Fähigkeit, im Augenblick zu verweilen, ist keine Frage der reinen Willenskraft, sondern eine Haltung, die schrittweise sich entfalten darf, um dann zu helfen, den gegenwärtigen Moment bewusster wahrzunehmen und weniger automatisch auf Erinnerungen oder Befürchtungen zu reagieren.
Der inneren Strom aus Bildern eignet sich, Gefühle und Körperempfindungen zu bemerken und zu halten, ohne sie sofort zu bewerten oder sogar verändern zu müssen. So entsteht ein innerer Erfahrungsraum zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht sein wird. Ein Raum, in dem Gegenwart spürbar und erlebbar wird.
Die Akzeptanz
Der zeitlose Augenblick zwischen Vergangenheit und Zukunft ist kein Ziel, das wir erreichen müssen. Vielmehr entsteht er dort, wo wir aufhören, gegen die Unveränderlichkeit des Vergangenen zu kämpfen und die Ungewissheit der Zukunft kontrollieren zu wollen und beginnen, das jetzige Erleben zu nehmen, wie es ist. Dann erfahren wir unsere ganze Palette an Fähigkeiten, unser Leben, im Vertrauen auf uns selbst, für uns stimmig und hilfreich gestalten zu können.
Ein Weg
Unsere Atmung kann dazu beitragen, Stress zu reduzieren, innere Ruhe zu fördern und das Bewusstsein für den gegenwärtigen Augenblick zu vertiefen.
Wenn es uns gelingt, Gedanken und Gefühle einer Zeitrichtung zuzuordnen gewinnen wir innerlich Klarheit. Die Forschung zeigt, dass unsere Gewichtung der Gedanken spürbar mit unserem Wohlbefinden und Verhalten zusammenhängen, so dass eine bewusste und flexible Gestaltung unserer Perspektive hilfreich ist, indem wir den Kontakt zur Gegenwart stabilisieren und die innere Reaktivität verringern.
Pfad 1:
1. Nimm eine Haltung ein, in der dein Körper wach und zugleich für ihn möglichst bequem ist. Richte deine Aufmerksamkeit auf den Atem, ohne ihn bewusst zu verändern.
2. Spüre, wie die Luft einströmt, den Körper füllt, und wieder ausströmt. Wenn Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges auftauchen, nimm sie wahr und kehre freundlich zum Atem zurück.
3. Richte deine Aufmerksamkeit nun für einige Atemzüge besonders auf den Moment zwischen Ein- und Ausatmen – diese kleine, oft nicht wahrgenommene Pause.
4. Wiederhole dies für zwei bis fünf Minuten. Es geht nicht darum, „richtig“ zu atmen, sondern diese kurze Lücke im automatischen Ablauf wahrzunehmen, ohne deinen Atemrhythmus zu verändern.
Pfad 2:
1. Nimm dir ein Blatt Papier und teile es in drei Spalten: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft.
2. Notiere für ein bis drei Minuten alles, was dich gerade beschäftigt: Sätze, Bilder, Stichworte … . Schreibe ungefiltert.
3. Ordne danach jeden Punkt einer Spalte zu:
- Gehört dieser Gedanke zu etwas, das bereits geschehen ist?
- Gehört er zu etwas, das ich gerade jetzt konkret erlebe?
- Gehört er zu etwas, das (noch) nicht da ist – einer Befürchtung, Hoffnung, Planung?
4. Schaue dir abschließend an, welche Spalte besonders gefüllt ist. Frage dich:
- Was brauche ich, um das Vergangene heute würdevoll zu lassen?
- Was in der Zukunft kann ich konkret vorbereiten – und was entzieht sich meinem Einfluss?
- Was in der Gegenwart bekommt zu wenig Aufmerksamkeit?
Pfad 3:
1. Wähle eine alltägliche Situation als „Anker“: zum Beispiel das Zähneputzen, das Warten an der Ampel oder das Abstellen der Kaffeetasse.
2. Nimm dir vor, in genau dieser Situation für etwa 30 Sekunden ganz mit deiner Aufmerksamkeit da zu sein: Nimm Geräusche, Körperempfindungen, Gerüche, Temperatur, Berührungen wahr.
3. Wenn Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges auftauchen, nimm sie wahr und kehre zum unmittelbaren Sinneserleben zurück.








