Wofür ist Liebe?
Zwei und Zwei ist ...
Die vielleicht größte Schwierigkeit unserer Zeit liegt in der Übersetzung des Lebens durch Wissenschaft. Es ist ein mühsamer Balanceakt, weil die Wissenschaft auf Empirie und Evidenz gründet – auf Berechnung, Beweis und Reproduzierbarkeit. Wahr ist, was sich rechnen lässt. Alles andere gilt als Spekulation oder Philosophie.
Doch gerade darin, dem Nichttrivialen, liegt das Wesen des Lebens. Der Mensch lebt, und allein durch dieses Leben entzieht er sich jeder Berechnung. Das Leben ist unberechenbar und damit das Gegenteil von trivial. Dennoch treibt uns die Anmaßung unserer eigenen Wichtigkeit dazu, das Komplexe zu reduzieren, das Chaotische zu ordnen und das Lebendige in Formeln zu pressen. Wir arbeiten fieberhaft daran, uns selbst in steuerbare Systeme zu verwandeln – Maschinen mit Geist, aber ohne Seele.
„2 + 2 = 4“, sagen wir, „darauf ist Verlass.“ Doch ist es deshalb Wahrheit, oder bloß Gewohnheit? Vielleicht gilt diese Formel nicht, weil sie ist, sondern weil sie sein muss, damit unser Weltbild Bestand hat. Über Jahrhunderte haben wir daraus eine Selbstverständlichkeit für ein System geschaffen, das dem Leben zuwiderläuft. Ein System, das trennt, wo Verbindung nötig wäre.
Heinz von Foerster, Kybernetiker und Denker, stellte dem seine provokante Formel entgegen: „2 + 2 = grün“. Eine absurde Gleichung, scheinbar sinnlos – und doch voller Bedeutung. Sie verweist unter anderem auf unsere Schulen, jene Orte der Trivialisierung, an denen einfache Rechenaufgaben mehr zählen als das Miteinander, an denen logische Korrektheit den Vorrang vor emotionaler Wahrhaftigkeit erhält. So sind Lehrpläne zu MINT-lastigen Konstrukten geworden, in denen Beziehungs- und Resonanzwissenschaften wie Kunst, Musik, Tanz, Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Philosophie ein Schattendasein führen.
Aber was wäre, wenn neben „2 + 2 = 4“ auch „2 + 2 = grün“ gelten dürfte und beides Wirklichkeiten wären? Für die Malerin vielleicht tatsächlich grün, für den Musiker ein Gis. Wahrheit wäre dann kein Ergebnis, sondern eine Perspektive; keine Formel, sondern ein Resonanzraum.
Der Mensch zerlegt unablässig das Unteilbare, in dem irrigen Glauben, es begreifen zu können. In seinem Eifer, das Unfassbare fassbar zu machen, verliert er den Blick für das Ganze – und damit auch für die Liebe. Denn Liebe entzieht sich jeder Berechnung, Messung und Logik. Sie ist das, was bleibt, wenn alle Systeme versagen, und das, was beginnt, wo das Leben wieder unberechenbar wird.
Vielleicht ist genau das ihre Funktion. Uns daran zu erinnern, dass das Lebendige weder trivial noch kontrollierbar ist. Liebe ist – jenseits jeder Formel – das Prinzip, das den Widerspruch aushält und das Fragmentierte wieder verbindet. Sie ist das Maß des Unmessbaren.






