komm und zeig Dich
Bedürfnisse sind kein Angriff
Es ist in Ordnung, Bedürfnisse und Wünsche zu haben , genauso ist es in Ordnung sich unwohl zu fühlen und zu spüren, dass vielleicht etwas fehlt und eine Sehnsucht sich bemerkbar macht, oder ein Schmerz, der nur sagen will, dass da etwas gebraucht wird, das gerade nicht da ist.
Das Wort „bedürftig“ klingt oft negativ, fast beschämend als wäre Bedürftigkeit etwas Schwaches und ein reifer Mensch einer, der nichts mehr braucht, vermisst, ersehnt.
Auch im Buddhismus kann, wenn man ihn hart oder verkürzt versteht !!! leicht der Eindruck entstehen, man müsse Bedürfnisse überwinden, sich lösen, loslassen, unabhängig werden von allem, was berührt.
Aber wir sind Menschen und Beziehungswesen, die Nähe, Resonanz, Sicherheit und Berührung brauchen, gesehen werden und ernst genommen werden wollen
Nicht als Forderung an die Welt oder als Anspruch, dass ein anderer Mensch immer genau wissen muss, was in uns gerade geschieht -sondern als Ausdruck davon, dass wir lebendig sind …
dass etwas in uns antwortet, hofft, fühlt, vermisst und sich nach Verbindung ausstreckt.
Wenn ein Mensch irgendwann sagen kann: „Ich wünsche mir mehr Zeit mit dir.“ Oder: „Ich hätte in diesem Moment eine Umarmung gebraucht.“ Oder: „Mir hätte ein einziges Wort geholfen.“, dann ist das oft schon ein großer innerer Schritt, denn dann spricht dieser Mensch nicht mehr nur aus dem Vorwurf heraus sondern ist schon näher bei sich und an dem, was in ihm wirklich lebendig ist. Näher an der wunden, weichen Stelle unter der Enttäuschung.
Meistens beginnt es nämlich nicht so klar.
Meistens kommt der Schmerz zuerst als Anklage und Vorwurf als: „Warum hast du das nicht gemacht?“ „Das hättest du doch sehen müssen.“ „Ich finde es unmöglich, dass du das nicht merkst.“ „Du denkst immer nur an dich.“ „Du hast mich wieder allein gelassen.“ „Ich habe erwartet, dass du das siehst.“
Dann wird oft aus der eigenen Not ein Satz, der den anderen trifft, beschämt oder klein macht.
In solchen Momenten sind wir noch nicht wirklich mit unserem tiefen Bedürfnis verbunden und sprechen nicht aus der zarten Stelle in uns, sondern aus der Verteidigung und aus der Enttäuschung. Aus dem alten Schmerz und dem Versuch, dem anderen endlich begreiflich zu machen, wie sehr etwas wehgetan hat.
Nur landet es beim Gegenüber dann nicht als Sehnsucht, sondern als Schuldzuweisung.
Und schon hören wir einander nicht mehr wirklich zu und sitzen in der “Kommunikationsfalle”.
Der eine zeigt eigentlich eine wunde Stelle, aber in einer Sprache, die sticht.
Der andere hört nicht, dass dahinter die Traurigkeit und Einsamkeit und Sehnsucht spricht.
Stattdessen fühlt er die ganze Last und Schuld des “Nicht genug seins”, des Versagthabens und “Falschseins”.
Im Nichtwahrnehmen der Ursache, beginnt dann auch hier
die Rechtfertigung und Erklärung …
warum es nicht so war…
warum wir nicht anders konnten…..
warum der andere übertreibt und wir auch gute Gründe hatten.
Und während wir uns verteidigen, verschwindet der eigentliche Moment der Begegnung.
Dabei liegt unter dem Vorwurf oft etwas sehr Verletzliches.
Unter „Warum hast du das nicht gesehen?“ liegt vielleicht:
„Ich wollte so gern wichtig für dich sein.“
Unter „Du warst wieder nicht da“ liegt vielleicht:
„Ich habe mich allein gefühlt und hätte deine Nähe gebraucht.“
Unter „Das kann doch nicht sein, dass ich dir das sagen muss“ liegt vielleicht:
„Ich sehne mich danach, gesehen zu werden, ohne kämpfen zu müssen.“
Unter „Du denkst immer nur an dich“ liegt vielleicht:
„Ich wünsche mir, dass ich in deinem Inneren einen Platz habe.“
Und genau dort beginnt der andere Raum.
Nicht, weil wir unsere Enttäuschung verschlucken sollten oder weil alles immer weich, freundlich und perfekt formuliert werden muss.
Wir sind Menschen und manchmal sind wir verletzt und es spricht der alte Schmerz schneller als unser erwachsenes Bewusstsein.
Aber es macht einen Unterschied, ob ich im Verteilen von Schuld bleibe oder ob ich irgendwann wieder bei mir lande.
Ob ich sage: „Du hast mich allein gelassen.“
Oder ob ich spüre: „Ich habe mich allein gefühlt.“
Ob ich sage: „Du hättest das merken müssen.“
Oder ob ich sagen kann: „Ich hätte mir gewünscht, dass du es bemerkst.“
Ob ich sage: „Du bist nie da.“
Oder ob ich sagen kann: „Ich vermisse dich “
Es ist ein Schritt heraus aus der Anklage und hinein in Kontakt.
Und auch dann muss der andere nicht sofort alles erfüllen Ein ausgesprochenes Bedürfnis ist kein Vertrag oder stiller Anspruch auf sofortige Erfüllung. Niemand ist allein dafür verantwortlich, dass ein anderer Mensch sich ganz, sicher und geliebt fühlt, aber
wenn jemand sich so zeigt, entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, einander wirklich zu verstehen.
Dann kann der andere hören
Da greift mich nicht jemand an sondern da erzählt mir jemand etwas über sich , seine Sehnsucht , seinen Schmerz, über das, was ihm wichtig ist , über das, was gerade fehlt.
Und vielleicht könnte die erste Antwort dann nicht Rechtfertigung sein, sondern Würdigung.
„Danke, dass du mir erzählst, wie es dir geht.“
Nicht als Versprechen, alles erfüllen zu können und schon gar nicht als Selbstaufgabe oder Kapitulation
sondern als Zeichen.
Ich höre dich und nehme ernst, dass da etwas in dir lebendig ist.
Nähe entsteht nicht dadurch, dass einer alles gibt und der andere alles bekommt.
Nähe entsteht dort, wo zwei Menschen innehalten können, bevor sie einander verlieren.
Wo Wünsche nicht automatisch als Forderung gehört werden.
Wo Schmerz nicht sofort Schuld bedeutet.
Wo Bedürftigkeit nicht beschämt wird.











